Thurgauer Zeitung, St. Gallen on November 19, 2011, Ursula Litmanowitsch

Hier fliessen Körper : ein einziger Strom aus Armen, Beinen, Leibern: Compagnie 7273 im Phönix-Theater Steckborn.

Höhepunkt bei theater:now:
«Nil» der Genfer Tanzcompagnie 7273.
Heute nochmals.

URSULA LITMANOWITSCH

STECKBORN. Man stelle sich vor: Sechs Tänzerinnen und Tänzer sind 60 Minuten lang pausenlos in Bewegung. Ein Parforce-Akt der Extraklasse! Eine körperliche Herausforderung, die mehr als nur eine gute Kondition abverlangt. Dass die Ausführenden dazu mit mentaler Stärke brillieren, die als zwingende Voraussetzung für eine solche Leistung gilt, war durchwegs spürbar.

«Nil» der Genfer Compagnie 7273 im Rahmen des Festivals theater:now im Phönix-Theater zeigte am Donnerstag eine dichte und vereinnahmende Choreographie von Laurence Yadi und Nicolas Cantillon. Das Publikum war hingerissen. Ganz zu Recht wurde diese herausragende Westschweizer Compagnie, die auch in Zürich für Furore sorgte, unlängst für ihre neuste Kreation «Nil» mit dem schweizerischen Tanz-und Choreographiepreis ausgezeichnet.
Orientalisch bis psychodelisch

Die Musik (Sir Richard Bishop), die der Choreographie unterlegt ist, verschmilzt zusammen mit dem spannenden Bewegungsvokabular der kraftvollen Tänzer (Stéphane Bayle, Nicolas Cantillon, Gildas Diquero)und der grazilen Tänzerinnen (Tatiana Julien, Marion Rastouil, Laurence Yadi) zu einem homogenen Gesamtkunstwerk. Der orientalisch anmutende Klangteppich orientiert sich stark an der harmonischen Molltonleiter und mündet teilweise in Anleihen aus dem Psychedelic Rock. Die stetig sich wiederholenden Terzen haben etwas Mantra-ähnliches.

Die Kostüme der Tanzenden sind schlichte Trikots in blauen Farbtönen. Die starke Ausdruckskraft der Körper zeigt sich in den fliessenden Bewegungen. Eines fügt sich ins andere. Viele Beine, viele Arme, viele Leiber. Aber ein einziger Strom, aufbrechend, ausbrechend, sich verbreiternd und sich schliesslich ergiessend und auflösend. Der reale Strom Nil mag als Inspiration gedient haben, aber die Choreographie hat keine geographischen Anleihen, sondern ist vielmehr Katalysator für die Bilder im Kopf des Zuschauers.
Monotonie, dann Wellenschlag

Die epische Tanzreise ist mal mitreissender Strom der Leidenschaft, mal Rinnsal der Rückerinnerung an die Quelle. Die Figuren, ständig im Fluss, sind mal schemenhaft im Dunst über den dampfenden Wassern zu erahnen, dann wieder erinnern sie mit ihren gleitenden Bewegungen an veritable Fellachen, an ihre unverkennbaren Segelschiffe zwischen Assuan und Luxor. Schlagende Wellenbewegungen symbolisieren Wellen des Verlangens als Ausbruch nach anhaltender magischer Monotonie, in der auch die kleinste Bewegung stets von einem fibrierenden Muskeltonus beherrscht bleibt.
Düfte des Orients in der Nase

Alles im Fluss ist auch als Aufbruch zu neuen Ufern zu verstehen. Verwandlungen werden in immer neu sich erfindenden Formen dargestellt. Und während auf der fast durchwegs dunkel gehaltenen Bühne das Licht nur ganz sparsam eingesetzt ist, breiten sich im Kopf des Betrachters die Farben wie ein bunter Fächer aus. Bewegungschiffren werden zu Multiplikatoren, die eine Flut an Sinneswahrnehmungen suggerieren. So vermeint man etwa, die Düfte des Orients in der Nase zu haben oder die lastende Hitze des Mittags über dem träge sich durch die Wüste dahinziehenden Strom zu spüren.

«Ein Treibgut an Visionen» sagt die Truppe von sich selber, beinhalte «Nil». Die Aufführung ist dazu geschaffen, dass sich die Zuschauer ganz hinein genommen wissen. Und es gibt, im positivsten Sinne gemeint, 60 Minuten lang kein Entrinnen vor dem unerschöpflichen Schatz der Empfindungen.
Wiederholung: Sa 19.11., 20.15 Do/Sa 1./3.12., 20.15: Philippe Saire Reservation: 052 762 21 21 oder www.phoenix-theater.ch

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